Bremser & Lehrich

marlowski: Wie seid ihr nach Kiel gekommen?
Bremser: Ich bin 1992 als Praktikant in der Sportredaktion bei R.S.-H. nach Kiel gekommen, obwohl ich mit Sport zu der Zeit überhaupt keine Berührungspunkte hatte. Ich war laienhafter HSV-Fan und habe mich bei R.S.-H. auf einen Moderatorenwettbewerb mit einer heimischen Aufnahme auf dem Kassettendeck meines Vaters beworben. Das Ding war nur, dass diese Moderation inhaltlich falsch war. Typisch für mich! Von Sport keine Ahnung und dann den Spieler, über den ich gesprochen habe, dem falschen Verein zugeordnet. Aber die fanden meine Stimme so gut, dass ich eingeladen wurde. Und so bin ich damals zu R.S.-H. gekommen, habe meine ersten Gehversuche in der Sportredaktion gemacht und bekam ein Volontariat angeboten, das ich natürlich nicht abgelehnt habe.
marlowski: War das von Anfang an dein Traum?
Bremser: Ja, ich habe schon als Kind, wenn meine Eltern nicht da waren, das Wohnzimmer zum Studio gemacht und mit mir selbst Dalli Dalli gespielt und das imaginäre Publikum unterhalten. Zum 5. oder 6. Geburtstag habe ich mir das originale Dieter-Thomas Heck-Mikrophon gewünscht und damit diverse Shows in der Schule moderiert. Die zweite Leidenschaft war Architektur, hatte aber nur Prio zwei. Moderation war schon mein Traum.
marlowski: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Lehrich: Ich komme ursprünglich aus Lemgo in Nordrhein-Westfalen und hatte seit meinem 18. Lebensjahr den Wunsch, in die Medien zu kommen. Irgendwann habe ich mit einem Tennisverein in Bad Salzuflen bei Spiel ohne Grenzen mit Michael Schanze teilgenommen und Feuer gefangen. Da wusste ich, sowas will ich auch machen. Moderator werden, zum Fernsehen gehen, das fand ich unheimlich faszinierend und habe Michael Schanze auf der After Show-Party so dermaßen mit meinen Fragen genervt, dass ich sicher ein Grund dafür war, dass er die Party frühzeitig verlassen hat. Danach habe ich angefangen, in Bad Salzuflen für eine Lokalzeitung zu schreiben und bin später zu Radio Herford gekommen. Ein Kollege hat mich dazu motiviert, mich für das ausgeschriebene Volontariat bei R.S.-H. zu bewerben und obwohl ich beim Bewerbungsgespräch auf die Frage, was mir an Schleswig-Holstein besonders gut gefällt, geantwortet habe, dass ich immer mit meinen Eltern in Cuxhaven Urlaub gemacht habe, habe ich das Volontariat bekommen. (lacht) Und so haben wir uns kennengelernt. Wir waren wahnsinnig unterschiedlich. Hätten wir uns schon in der Schule kennengelernt,…
Bremser: …wären wir keine Freunde geworden. (lacht)
marlowski: Weil es ein Konkurrenzverhältnis zwischen zwei Klassenkaspern gegeben hätte?
Bremser: Ich glaube, Jens wäre viel zu unauffällig für mich gewesen. Ich habe das mal so beschrieben, dass er wie von Mama angezogen dastand, mit Teddypullover und Anorak. Ich will nicht sagen, dass ich besser gekleidet war, aber ich war auf jeden Fall etwas progressiver als Typ. Und auch provokanter.
Lehrich: Ja, provokanter im Sinne von ´Auf die Pauke hauen´. Ich war immer eher angepasster. Das hat sich geändert, aber damals war es so, als wir uns kennenlernten.
marlowski: Und wie seid ihr euch dann nähergekommen?
Bremser: Wir hatten beide keine Wohnung und das war eigentlich der Grund. Wir saßen beide am Redaktionstisch und haben Zeitungen durchgeguckt und dann beschlossen, eine WG zu gründen, da das Geld auch nicht so locker saß. Als ich das vorgeschlagen hatte, dachte Jens erst, ich sei schwul.
Lehrich: Ja! Das kam so plötzlich! (lacht) Wir haben uns gerade kennengelernt und der vierte Satz war gleich: Wollen wir uns nicht zusammen eine Wohnung nehmen. Da war ich erstmal mit überfordert. Wir sind dann aber abends Pizza essen gegangen und haben gemerkt, dass wir uns richtig gut verstehen. Da war das dann geklärt.
marlowski: Ihr seid ja nach Westensee gezogen. Wieso zieht man in dem Alter aufs Land?
Bremser: Das hat unser Chefredakteur auch gefragt. Der hat gesagt, wir seien bekloppt und müssten als junge Leute doch in die Stadt und Leute kennenlernen. Aber wir haben uns sehr schnell und euphorisch für ein Halbhaus entschieden, schön im Grünen, Jens hatte Platz für sein Klavier, nur das Mieterverhältnis war etwas angespannt. Man durfte nicht auf dem Gelände parken, obwohl es großzügig war und musste die zugewiesenen Parkflächen nutzen. Der Vermieter hat uns auch manchmal sonntags um neun aus dem Bett geklingelt, um uns darauf hinzuweisen. Dadurch, dass wir abends immer zusammensaßen und eben nicht in Kneipen unterwegs oder mit Mädels zum Tanz waren, haben wir viel Kreatives ausgeklügelt und die ersten Dinge aufgeschrieben. So entstand dann auch Baumann und Clausen.
marlowski: Wie lange habt ihr dort gewohnt?
Lehrich: Zwei bis drei Jahre. Frank ist in die Holtenauer Straße gezogen und ich in die Knorrstraße. Dort habe ich auch ein paar Jahre gewohnt, bis ich im Jahr 2000 nach Hamburg gezogen bin – der Liebe wegen.
marlowski: Seid ihr beide verheiratet?
Bremser: Ich zum zweiten Mal und Jens…
Lehrich: …zum anderthalbten Mal, da ich mit der Frau, mit der ich einen Sohn habe, der heute 15 ist, nicht verheiratet war, dann aber geheiratet habe und zwei weitere Söhne bekam.
Bremser: Ich habe gerade geheiratet. Meine Frau kommt von Sylt und hat zwei Jungs und ich habe aus erster Ehe auch zwei Jungs. Also ist immer was los. Die Kinder verstehen sich gut und dadurch, dass ich zu meiner ersten Frau ein gutes Verhältnis habe, ist alles sehr schön. Das Leben ist ja manchmal schon kompliziert genug.
marlowski: Wie cool finden euch eure Söhne?
Lehrich: Mein Großer war gerade mit auf Tour und hat sich das neue Stück angeguckt. Er fand das gut, kommt aber schon mit Kritik an. Ich denke nicht, dass er mich cool findet, aber ich habe meinen Vater in dem Alter auch nicht cool gefunden. Wir haben einfach ein gutes Verhältnis, das ist erstaunlich offen und wir können über alles reden. Küsschen links Küssen rechts geht auf dem Schulhof natürlich nicht mehr, aber das ist ja auch normal.
marlowski: Wie organisiert ihr Familie und Karriere?
Lehrich: Wir bekommen insofern alles ganz gut unter einen Hut, als dass wir im Sommer Tourneepause machen. Das heißt, von Mai bis August sind unsere Familien und Freunde dran. Da haben wir auch die Möglichkeit, Dinge zu tun, die andere Eltern nicht machen können. Dafür sind wir aber auch im Winter jedes Wochenende weg. Es ist halt ein anderer Rhythmus, das heißt nicht, dass wir weniger Zeit haben. Wir haben schon die Möglichkeit, trotz unseres straffen Tourplans unser Familienleben zu leben.
marlowski: Wie viel Zeit verbringt ihr privat zusammen?
Bremser: Wir beschränken uns da eigentlich auf Telefonate, in denen wir uns natürlich auch freundschaftlich austauschen. Dass wir unseren Blick auf die Familie fokussieren, ist ja klar, denn wir haben uns ja schon ewig. Und wir hatten auch schon so unsere Auseinandersetzungen inklusive einem Jahr Sendepause, in dem jeder versucht hat, sein Ding alleine zu machen. Das heißt, wir haben den ersten Ehestreit unserer Freundschaft schon hinter uns und wir haben uns auch wiedergefunden. Fester als vorher, denn man merkt, was man an dem anderen hat, wenn man ihn nicht mehr hat. Da passt also kein Blatt dazwischen, auch wenn man sich mal aufregt.
Lehrich: Es ist ja auch wie eine alte Ehe, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt. Wie viele Stunden wir alleine im Tourbus sitzen!
marlowski: Wie würdet ihr euch gegenseitig beschreiben?
Lehrich: Frank ist sehr spontan, sehr explosiv…
Bremser: …gutaussehend…
Lehrich: (lacht) …gutaussehend!
Bremser: Jens ist sehr kontrolliert, er ist ein guter Beobachter, was unseren Figuren sehr zugute kommt. Er ist ein hervorragender Autor und ist sehr ideenreich. Und hartnäckig! Wenn er was will, ist er ein Dickkopf.
marlowski: Wer hat bei euch den Hut auf?
Lehrich: In den geschäftlich-kaufmännischen Dingen eher ich, weil das etwas ist, was mich neben den kreativen Dingen immer interessiert hat. Ich komme aus einer kaufmännischen Familie und da war es immer klar, dass gehandelt wird. Wir haben ja Gott sei Dank unseren Manager Christian Sehlleier, der bei den 120 Shows, die wir im Jahr machen, große Teile übernimmt, aber dennoch ist es so, dass ich für uns eher auf die Bücher gucke als Frank. Frank ist der, der ein unglaubliches Faible für Technik hat. Hätte es Steve Jobs nicht gegeben, hätte Frank das iPhone erfunden, da bin ich mir sicher! Diese technischen Symbiosen zu schaffen, dass Dinge funktionieren, das ist eine seiner großen Leistungen. Neben seinen stimmlichen Talenten natürlich! Wie bei Kaufhaus Patzig in fünf Charaktere zu schlüpfen und alle klingen zu lassen, als wären es eigenständige Figuren, ist ja ein großes Talent, welches ich übrigens gar nicht habe. Wenn ich anfange, meine Stimme zu verstellen, klingt das total peinlich. Ich bin immer Baumann oder Jens Lehrich.
marlowski: Stand die Rollenverteilung bei Baumann und Clausen von vornherein fest?
Lehrich: Ja. Baumann ist ja eher der In-Sich-Gekehrte, der Vernünftige. Clausen ist eher derjenige, der auf die Pauke haut, der es wissen will und das passt natürlich ganz gut zu unseren realen Charakteren.
Bremser: Der Charakter Clausen wird auch dadurch erst bezeichnet, dass ich die Stimme so entwickelt habe, das dieser alte Oberamtsrat alles sagen darf. Dadurch, dass er auch ein bisschen dümmlich und naiv rüberkommt, hat er die Möglichkeit, Dinge auszusprechen, die Baumann nicht sagen darf, die der Hörer ihm übel nehmen würde. Clausen kann über Gott und die Welt ablästern und darf auch mit seiner Frau so umgehen, wie er es tut. So hat sich schnell ergeben, wer welche Rolle übernimmt.
marlowski: Gibt es denn mal Kritik von empörten Hörern?
Lehrich: Empört wäre zu viel gesagt, aber wir sind ja alle so vernetzt heutzutage, dass es natürlich auch Stimmen bei Eventim oder facebook gibt, die mal schreiben, was ihnen nicht gefallen hat. Aber das ist wirklich selten. Meistens kriegen wir sehr viele ergänzende Ideen oder Lob für das, was wir machen.
Bremser: Ganz am Anfang gab es mal vom Deutschen Beamtenbund eine Eingabe über R.S-H. , darüber, dass wir Beamte diffamieren würden. Die haben dann eine Kassette bekommen, einen Mitschnitt, und nach ein paar Tagen kam die Anfrage, ob sie noch mehr Folgen kriegen könnten.
Die Beamten haben am meisten Humor. Wir haben auch viele Beamte in unserer Show.
Lehrich: Letztendlich halten wir der Gesellschaft mit der Serie einen Spiegel vor ohne jemanden zu verletzen. Das ist ja der Sinn von Baumann und Clausen. Wir gehen nicht unter die Gürtellinie. Dieser bewusste Tabubruch, den viele andere machen, der findet bei Baumann und Clausen nicht statt.
marlowski: Wie witzig findet ihr euch selber noch nach 20 Jahren?
Lehrich: Es ist schon so, dass wir bei den meisten Folgen, die wir produzieren, noch so lachen müssen, dass der Produzent das rausschneiden muss. Wir haben Spaß an der Sache. Sich selber witzig zu finden, wäre so etwas, wie sich selber auf die Schulter zu klopfen. Das sollen andere tun. Aber wir haben Spaß.
marlowski: Was macht ihr, wenn ihr auf der Bühne Lachanfälle bekommt?
Bremser: Dann lachen wir einfach. Die Leute mögen das. Es ist ja so, dass alles, was im Life-Programm spontan dazukommt, uns auch mehr Abwechslung bietet und die Leute steigen auch darauf ein. Wenn man sich selbst locker machen und über sich selbst lachen kann, ist das ein großer Vorteil. Wir können das beide ganz gut.
marlowski: Schreibt ihr eure Programme selber?
Lehrich: Ja, wir schreiben alle Texte selbst und lassen uns durch das Leben inspirieren. Wir haben mal versucht, mit Autoren zusammenzuarbeiten. Das ist extrem schwer, da kaum ein Autor sich komplett in die Figuren hineindenken kann, die in 20 Jahren so viele Charaktereigenschaften bekommen haben. Wenn ich einem Autor erklären muss, dass der Gag gut ist, aber nicht zur Figur passt, entsteht extrem viel Reibung und es machen beiden Seiten keinen Spaß. Also schreiben wir sowohl die Radioserie als auch die Bühnenprogramme zu 100% selbst.
marlowski: Kennt ihr noch so etwas wie Lampenfieber?
Bremser: Mir geht es immer so, sobald Familie im Raum sitzt. Dann bin ich aufgeregter als vor fremden Menschen. Ich finde es auch viel aufregender, eine Rede auf einer Familienfeier zu halten als vor 1000 anderen Leuten. Man hat zwar Respekt vor jedem Auftritt, aber nach zwei drei Minuten sollte man sich dann auch freigespielt haben und Spontaneität zulassen.
marlowski: Habt ihr ein komödiantisches Vorbild?
Lehrich: Definitiv! Dick und Doof, eine Mischung aus Heinz Erhardt und Hape Kerkeling, irgendwo da liegt die Wahrheit. Wir sind ja weniger Stand-Up-Comedians, als Figuren in einer Fantasiewelt, von daher passen Heinz Erhardt, Hape Kerkeling, der ja auch in Figuren schlüpft und Dick und Doof, die ja ebenfalls Kunstfiguren waren, ganz gut als Vorbilder.
Bremser: Vor allem wegen des Slapsticks, der bei den Zuschauern ja extrem beliebt ist, vom Feuilleton der intellektuellen Medien aber als Boulevard abgetan wird. Kabarettisten und alles, was ein schlechtes Gefühl im Bauch macht, werden in Deutschland gehypt und was einen einfach nur mal zum Lachen bringt, wird so dargestellt, als sei es nicht die hohe Kunst. Aber wir sehen eben, dass da ein unheimlicher Bedarf ist, dass die Menschen einen Humor wollen, der ihnen kein schlechtes Gefühl im Bauch macht.
Lehrich: Wir können Medien auch nicht mehr so konsumieren, wie jemand, der nicht in den Medien arbeitet. Das geht nicht. Die Bewertung auszuschalten, ist eine extrem schwierige Aufgabe.
marlowski: Wen guckt ihr euch gerne live an?
Lehrich: Atze Schröder, der ist live wirklich sensationell.
Bremser: Martin Rütter finde ich auch sehr gut, seine Art die Show zu machen ist sehr unangestrengt und hat ein sehr humoriges Gesicht. Wir würden gerne mal öfter in andere Shows gehen, aber die beißen sich oft mit unserem Tourplan.
marlowski: Was amüsiert euch an euren Mitmenschen im Alltag?
Bremser: Ich bin immer gerne bei meinem Schlachter Mogensen in Holtenau und lasse dann auch gerne mal ein paar Leute vor, um mir anzuhören, was da so gesprochen wird. Wenn Schlachtermeister Mogensen, auch wenn die Bude brechend voll ist, erstmal einen kleinen historischen Schwank aus alten Zeiten in Holtenau erzählt und dafür dann das Schlachtermesser noch mal zur Seite legt – zum großen Unbehagen der Kundschaft – muss ich lachen. Auf die fünf Minuten kommt es ja auch nicht an, das fehlt hier eigentlich heutzutage.
marlowski: Gibt es einen Zukunftstraum, für den ihr Schleswig-Holstein verlassen würdet?
Lehrich: Man könnte ja in Las Vegas eine Show machen und trotzdem in Schleswig-Holstein leben. (lacht) Also andersrum – ich möchte nicht in Las Vegas leben oder in New York. Mir wäre schon Berlin zu groß.
Bremser: Ich würde meine Wurzeln hier so schnell nicht kappen wollen. Gerade weil Schleswig-Holstein so bodenständig und wenig glamourös ist – alle reden ja immer nur von Hamburg -finde ich es hier noch viel schöner.
marlowski: Habt ihr einen Lieblingsplatz?
Lehrich: Die Seebar.
Bremser: Mein Holtenau.

Das Interview führte das Kieler Männer-Stadtmagazin Marlowski. Es erschien in der Dezember Ausgabe 2013.

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